Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Ernst Hofsommer, Bericht eines Frankfurter Lehrers über einen Sturmangriff in der Sommeschlacht, 1916

Themengruppe: Erster Weltkrieg
Typ: Berichte
Beschreibung: Der Autor des Berichts, Dr. Ernst Hofsommer, wurde 1885 in Frankenhain bei Eschwege geboren. Seit 1904 studierte er Theologie und Philologie an den Universitäten Marburg, Straßburg und Berlin und bestand 1908 in Marburg seine erste theologische Prüfung. 1909-1911 bereitete er sich im Kandidatenkonvikt in Magdeburg auf die zweite theologische und die philologische Staatsprüfung im Oktober 1911 vor. 1910 promovierte er an der Universität Marburg mit einer Dissertation über „Die ‚kirchlichen Verbesserungspunkte‘ des Landgrafen Moritz des Gelehrten von Hessen“ bei dem Marburger Historiker Wilhelm Busch. Vor seinem Eintritt in den Kriegsdienst war er Oberlehrer an der städtischen Viktoriaschule, Lyzeum in Frankfurt am Main. Einen Militärdienst hatte Ernst Hofsommer vor dem Beginn des Krieges offenbar nicht abgeleistet, so dass er vermutlich als Kriegsfreiwilliger zum Heer und an die Front kam. Zum Zeitpunkt seines Berichts war er Leutnant einer Infanterieeinheit. Nach den Angaben des Herausgebers des Bandes ist Ernst Hofsommer „seinen Wunden erlegen, kurz nachdem er sie [die Schilderung] mir gesandt hatte“ (S. V). (Die Angaben zur Vita sind dem Lebenslauf in der gedruckten Dissertation entnommen.)

Ernst Hofsommer schildert in seinem Bericht Erlebnisse als Kompanieführer im Sommer 1916 in der Schlacht an der Somme in der Nähe der Stadt Péronne. Anhand der Bildunterschrift zu einem der beiden beigegebenen Fotografien lassen sich die geschilderten Ereignisse auf den 15. / 16. Juli 1916 datieren. Hofsommer gibt eine realitätsnahe Beschreibung der Zerstörungen und Verwüstungen, die er im französischen Kampfgebiet wahrnimmt. Er ist weit davon entfernt, den Krieg und seine Auswirkungen zu beschönigen und spart nicht mit drastischen Beschreibungen. Er haßt den Krieg an sich, wie er ausdrücklich betont. Vor dem Sturmangriff reflektiert er über angesichts der drohenden Gefahr, dass sein Leben hier zu Ende sein könnte, über Kindheits- und Jugenderinnerungen, über seine schöne und unbeschwerte Studienzeit. Auf der anderen Seite aber sehnt er den offenen Kampf Mann gegen Mann herbei, in dem er sich als Mann beweisen kann. Im Rückblick auf den siegreich beendeten Sturmangriff kommen ihm seine Erlebnisse in der Schlacht an der Somme, der Hunderttausende auf beiden Seiten zum Opfer fielen, als seine „stolzesten, glücklichsten Stunden vor dem Feind im Westen“ vor, die er sein ganzes Leben nicht zu mehr vergessen können glaubt. Die Widersprüchlichkeit, den Krieg zu hassen und den Tod zu fürchten, aber den offenen Kampf Mann gegen Mann herbeizusehnen, ist möglicherweise typisch für eine größere Zahl von Kriegsteilnehmern seiner Generation.

Hofsommers Haltung zu Krieg findet eine Parallele in den Worten des Herausgebers zum Geleit des Bandes: Prof. Dr. Paul Hildebrandt, der bereits einen ersten Band von Kriegserlebnissen deutscher Oberlehrer herausgegeben hatte, war Professor am städtischen Berlinischen Gymnasium Zum Grauen Kloster in Berlin. Er beklagt „in bitterem Schmerz“ die Lücken, der Krieg bereits in die Reihen der Freunde und Kollegen gerissen hat, betont aber: „Es gilt des Reiches, des Vaterlandes Rettung! Für sie bluten unsere Tapferen draußen, für sie kämpfen wir hinter der Front, für sie lehren und erziehen wir unsere Jugend“ . Es gelte jetzt, so betont er, „das Erworbene festzuhalten, körperliche und geistige Not und Entbehrungen entschlossen auf sich zu nehmen, englischer Verbissenheit, französischer verzweifelter Angriffslust die germanische ruhige Kraft entgegenzustemmen“. (Siehe den vollständigen Text des Geleitworts in Abschnitt 10).

Paul Hildebrandt (1870-1948) wirkte als Altphilologe, Schulreformer und humanistischer Pädagoge in Berlin. Er schloss sich nach der Novemberrevolution von 1918 der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an und zog für sie 1924 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung ein. Als „versteckte Gegner des nationalen Staates“ wurden er und seine Frau Ende 1943 in die Konzentrationslager Buchenwald bzw. Ravensbrück gebracht. Während seine Frau im KZ umkam überlebte Paul Hildebrandt die NS-Herrschaft und engagierte sich bis zu seinem Tod für eine demokratische Entwicklung des Schulwesens. Zu Hildebrandt siehe: Sie wirkten in Berlin. Erinnerungsschrift anläßlich des Kongresses der Lehrer und Erzieher in Berlin, Pfingsten 1952 überreicht, überarbeitet und zusammengestellt von Fritz Opitz, 1952, S. 85-88)
Autor/in: Ernst Hofsommer
Laufzeit: 1916
Bezugsort: Frankfurt | Historisches Ortslexikon
Original: unbekannt
Drucknachweis: Das deutsche Schwert. Kriegserlebnisse deutscher Oberlehrer. Zweite Folge, hrsg. von Paul Hildebrandt, 1918, S. 1-13
Rechte: Text und Bilder sind gemeinfrei.
Bearbeiter/in: Otto Volk
Empfohlene Zitierweise: „Ernst Hofsommer, Bericht eines Frankfurter Lehrers über einen Sturmangriff in der Sommeschlacht, 1916“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <http://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/87> (aufgerufen am 21.09.2017)
Faksimile: Kein Faksimile vorhanden
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde