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Gewalttätigkeiten bei Vietnam-Demonstration in Frankfurt am Main, 15. November 1969

Entgegen einem verwaltungsgerichtlich bestätigtem Verbot der Polizei- und Ordnungsbehörde versammeln sich am frühen Samstagnachmittag etwa 500 meist jugendliche Demonstranten am Opernplatz in Frankfurt am Main, um gegen den US-Militäreinsatz in Vietnam zu protestieren und ziehen gegen15.15 Uhr in Richtung Große Bockenheimer Straße. Zuvor hatte der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) als Veranstalter der Demonstration in letzter Minute der Polizei- und Ordnungsbehörde zugesichert, dass der Zug nicht am amerikanischen Generalkonsulat in der Siesmayerstraße (Westend) vorbeiführen werde. Als Ziel wird der Römerberg genannt.

Angeführt vom ehemaligen ersten SDS-Vorsitzenden Karl-Dietrich Wolff (geb. 1943) und Anhängern der „Föderation Neue Linke“ (FNL) strebt die Menge quer über Rathenauplatz und Roßmarkt zur Katharinenkirche. Von der Hauptwache steuert der Demonstrationszug allerdings plötzlich im Laufschritt auf die Große Eschenheimer Straße zu. Polizisten mit gezogenen Schlagstöcken sperren daraufhin die Straße ab und bewegen die etwa 20 bis 30 Meter vor der Polizeikette anhaltenden Studenten zum Rückzug. Allerdings folgt die Polizei den Fliehenden anschließend im Laufschritt und schlägt auf die Demonstranten ein, nachdem einige Knallkörper hinter der Polizeikette detoniert waren. Das gewaltsame Vorgehen der Beamten wird von den Demonstrationsteilnehmern mit Wurfgeschossen beantwortet, Steine und Eier fliegen. Mehrere Polizisten und mindestens drei weitere Personen werden dabei verletzt.

Bei der Hauptkundgebung der Demonstration am Römerberg, an der sich etwa 2.000 Menschen beteiligen, prangert Wolff die „Polizeibürokratie der sozialdemokratischen Demokratie“ an, die es verhindern wolle, dass sich die Protestierenden mit den „unterdrückten amerikanischen Soldaten“ [den in Vietnam eingesetzten GI’s] solidarisierten. Außer dem SDS-Funktionär sprechen auch ein Vietnamese sowie ein sich als Angehöriger der AI Fatah ausgebender Palästinenser, der zur „Bereitschaft zum Kampf mit allen Mitteln“ aufruft.

Nach Ende der Kundgebung setzt sich die Demonstration erneut in Bewegung, allerdings verteilen sich die Teilnehmer nun in kleineren Gruppen über die gesamte Innenstadt.

Zwischen etwa 17 und 19 Uhr kommt es schließlich an zahlreichen Stellen zu Ausschreitungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Brennpunkte der Auseinandersetzungen sind dabei der Opernplatz und das Amerikahaus. An der Bockenheimer Landstraße versperren Wasserwerfer und berittene Polizei den Weg. Die Beamten, die das Aufstellen von Barrikaden zu verhindern versuchen, werden mit Steinen und provozierenden „Sieg Heil“-Rufen bedacht. Gegen 18:25 Uhr eskaliert die sich eigentlich allmählich entspannende Situation erneut, als auf einem Parkplatz neben der Alten Oper ein Personenwagen in Flammen aufgeht. Erst gegen 21:45 Uhr kehrt endgültig Ruhe ein. Bis dahin verhaftet die Polizei insgesamt elf Männer und eine Frau wegen Landfriedensbruch und Widerstands gegen die Staatsgewalt, weitere 15 Personen werden vorläufig festgenommen.

Die Bilanz der Behörden verzeichnet schließlich sechs Polizeibeamte, die im Verlauf des Nachmittags und Abends durch Steinwürfe oder Schläge verletzt worden sind.

An den Fassaden des amerikanischen Einkaufszentrums „PX“, der Büros der Fluggesellschaften Iran Air-Lines und Pan American, an einer amerikanischen Autohandelsfirma und an Wohnhäusern im amerikanischen Wohnviertel Bremer Straße/Hansaallee gingen Fensterscheiben zu Bruch, ebenso am Amerikahaus und im amerikanischen Generalkonsulat, die beide trotz starker Sicherheitsvorkehrungen nicht verschont geblieben sind. Bundesweit gehen an diesem Wochenende in zahlreichen deutschen Städten überwiegend jugendliche Teilnehmer – neben Studenten auch Schüler und Lehrlinge – auf die Straßen, um „für Frieden und gegen die amerikanische Präsenz in Vietnam“, „aber auch für den Sieg revolutionärer Bewegungen schlechthin“ zu demonstrieren.1 Die größte Kundgebung in West-Berlin zählt rund 7.000 Teilnehmer.
(KU)


  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.1969, S. 3.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.1969, S. 29: Wieder einmal Fensterscheiben: Die Demonstrationen am Samstag / Polizei schützt Amerikaner vor Belästigungen.
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.1969, S. 3: Rund 15 000 Teilnehmer bei Kundgebungen: In zahlreichen Städten Protest gegen den Vietnam-Krieg.
Weiterführende Informationen
  • HeBIS Caroline Dostal, 1968 - Demonstranten vor Gericht. Ein Beitrag zu Justizgeschichte der Bundesrepublik, Frankfurt am Main [u.a.] 2006.
Hebis-Schlagwort
Deutschland, Bundesrepublik ; Studentenbewegung ; Demonstrationsfreiheit ; Außerparlamentarische Opposition ; Achtundsechziger ; Demonstrationsrecht ; Geschichte 1967-1970
Empfohlene Zitierweise
„Gewalttätigkeiten bei Vietnam-Demonstration in Frankfurt am Main, 15. November 1969“, in: Zeitgeschichte in Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1269> (Stand: 8.11.2017)
Ereignisse im Oktober 1969 | November 1969 | Dezember 1969
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