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Wiedereröffnung des deutschen Wertpapier-Börsenhandels in Frankfurt am Main, 14. September 1945

In einem notdürftig hergerichteten Kellerraum des Gebäudes der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt am Main nehmen 30 Banken und drei Makler den Wertpapier-Börsenhandel wieder auf. Damit erfolgt die "offizielle" Wiedereröffnung der ersten deutschen Börse, nach dem der Börsenhandel in Frankfurt infolge der deutschen Kriegsniederlage und des Zusammenbruchs des NS-Regimes zunächst für ein halbes Jahr ausgesetzt worden war.1

Zugleich findet hier, in einer Ecke der ausgebrannten früheren Getreidebörse im Parterre des Gebäudes und unter Beteiligung von Vertretern der amerikanischen Besatzungsmacht, am heutigen Tag ein Festakt statt. Die Frankfurter Börse hatte bereits im Vorjahr im Gebäude der Industrie- und Handelskammer ein Ausweichquartier gefunden, nachdem das in Sichtweite stehende Gebäude der "Neuen Börse" im Nordwesten der Neustadt im März 1944 nach einem Bombenangriff ausgebrannt war. Die letzte offizielle Börsensitzung in Frankfurt am Main war am 23. Februar 1945 vor dem Einmarsch der Amerikaner eingeläutet worden.

Wertpapierhandel im Angesicht einer ungewissen Zukunft deutscher Unternehmen

Beispiele für die am heutigen ersten Handelstag im "kontrollierten Freiverkehr" gehandelten Papiere sind Aktien des in in Mannheim ansässigen Landmaschinenherstellers Heinrich Lanz in Mannheim, die mit 151 Reichsmark für die 100-Mark-Aktie bezahlt werden. Die ebenfalls gehandelte Siemens-Aktie bewerten die Börsenhändler mit dem vergleichsweise niedrigen Wert von 105 Reichsmark pro Stück, da das Schicksal des tief in die deutsche Kriegsrüstung verstrickten deutschen Großunternehmens und ehemals größten Elektrokonzerns der Welt unabsehbar erscheint.

Kaufen und Verkaufen nach Stopp-Kursen

Wie die meisten anderen deutschen Börsen nimmt die Frankfurter Börse den Wertpapierhandel mit amtlicher Kursfeststellung erst nach der im Zuge der deutschen Währungsreform erfolgten Währungsumstellung (21. Juni 1948) wieder auf.2 Der auf den heutigen Tag datierende erste Kurszettel der Nachkriegszeit stellt demgemäß noch kein amtliches Kursblatt, sondern lediglich einen "öffentlicher Aushang" dar. Den auf ihm vermerkten gezahlten und getaxten Preisen stehen noch die alten Stoppkurse von 1943 gegenüber. Diese Stoppkurse waren im Krieg aufgrund der großen Nachfrage nach Aktien als Alternative zu den Reichsanleihen eingeführt worden, um die Nachfrage zu rationieren. Alle Kurse waren damals mit Wirkung zum 25. Januar 1943 "eingefroren" worden. Interessierte Käufer waren gezwungen, sich der Reihe nach zu gedulden, bis ihnen Wertpapier-Material "zugeteilt" wurde.

Betrügerischer Zufluss von Effekten aus dem früheren Reichsbank-Bestand

In den ersten Monaten und Jahren des wiederbelebten Börsenhandels in Frankfurt am Main erweist es sich als unumgänglich, zahlreiche Wertpapiere neuauszufertigen, da ein großer Teil der deutschen Aktien- und Renten-Urkunden in Berlin gelagert worden war. Die Tresore der Reichsbank waren dort beim Einmarsch der Roten Armee in Berlin gesprengt worden.3 Zahllose effektive Wertpapierstücke befanden sich damit im sowjetischen Sektor Berlins, wurden geplündert oder ganz vernichtet. Die Effekten stellten für die Angehörigen der Besatzungsmacht keinen Wert dar, da mit ihnen keine Eigentumsansprüche im Westen geltend gemacht werden konnten und alle größeren deutschen Unternehmen in der Sowjetisch Besetzten Zone verstaatlicht wurden. Trotzdem gelangen viele der bei der Reichsbank gelagerten Wertpapiere in Umlauf und werden nach Frankfurt gebracht, um sie zu Geld zu machen. Bei späteren Wertpapierbereinigungen stellt heraus, dass das Grundkapital mancher Unternehmen in einer Höhe von 200 Prozent des Nominalbetrages in Umlauf gebracht worden ist, da neben die berechtigten Ansprüche auch die gestohlenen Stücke des Reichsbank-Bestandes treten.

Der Gesamtwert der an der Frankfurter Börse im ersten Börsenjahr zwischen dem 14. September 1945 und dem 13. September 1946 umgesetzten Wertpapiere beläuft sich schließlich auf 37,6 Millionen Reichsmark.
(OV/KU)


  1. Bereits im Juli und August 1945 trafen sich deutsche Börsianer in einem Keller des zerstörten Domizils der Deutschen Effecten- und Wechsel-Bank in der Kaiserstraße Nr. 30 zu den allerersten (illegalen) Frankfurter Börsensitzungen nach dem Zweiten Weltkrieg, für die keine Genehmigung der amerikanischen Militärregierung vorlag. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.8.1985, S. B19.
  2. Allein die Münchener Wertpapierbörse startete bereits im August 1945 mit dem amtlichen Wertpapier-Handelsverkehr.
  3. Die in Berlin von den Geschäftsbanken zur Girosammelverwahrung deponierten rund 30 Millionen Effekten umfassten einen großen Teil der in Deutschland ausgegebenen Wertpapiere.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.8.1985, S. B19: Aus dem Keller zu neuem Glanz: Heinz Brestel erinnert sich an 1945 und danach
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.6.2008, Nr. 142, S. B2: Auf dem Parkett: Wie die Frankfurter Börse wiederauferstand / von Heinz Brestel.
  • Wirtschaftswoche 49 (1995), Nr. 45 vom 2.11.1995, S. 185: Serie: Ungeliebte Aktien, Teil 1: "Finstere Schrecken. Die Skepsis der Deutschen gegenüber den Dividendentiteln ist historisch tief verwurzelt."
  • HeBIS Österreichisches Forschungsinstitut für Wirtschaft und Politik Salzburg (Hrsg.): Berichte und Informationen, Salzburg 1946.
  • Eiler, Hessen - eine starke Geschichte, S. 59.
  • HeBISHerbert Alsheimer, Der Börsenplatz in Frankfurt am Main. Ein Ort deutscher Nachkriegsgeschichte, Frankfurt am Main 2006
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Wiedereröffnung des deutschen Wertpapier-Börsenhandels in Frankfurt am Main, 14. September 1945“, in: Zeitgeschichte in Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/128> (Stand: 16.8.2017)
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