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Rücktritt des hessischen Umweltministers Willi Görlach, 21. März 1980

Nach Vorwürfen gegen leitende Beamte seines Ministeriums wegen Verstrickungen in einen Umweltskandal tritt der hessische Minister für Landesentwicklung, Umwelt, Landwirtschaft und Forsten Willi Görlach (geb. 1940, SPD) von seinem Amt zurück. Ministerpräsident Holger Börner (1931–2006; SPD) ist dem entsprechenden Wunsch Görlachs, ihn von seinem Posten zu entbinden, unverzüglich nachgekommen.
Görlach ist im Rahmen seiner Tätigkeit als Umweltminister des Landes Hessen bereits in der Vergangenheit mehrfach ins Schussfeld der Kritik geraten. Im Januar 1979 war bekannt geworden, dass bereits im April 1977 bei einer Qualitätskontrolle von Milch aus den hessischen Orten Allmendfeld, Biebesheim und Gernsheim im Kreis Groß-Gerau hohe Konzentrationen an Pestiziden und Chlorkohlenwasserstoffen festgestellt worden waren. Görlach hatte erst mit fast zweijähriger Verspätung davon erfahren. Im Dezember 1979 sah sich das Umweltministerium mit Vorwürfen konfrontiert, die Firma Hoechst nicht an der Einleitung von ungeklärten, schadstoffhaltigen Abwässern in den Main zu hindern, obwohl Görlach bereits seit Mitte Oktober davon gewusst hatte. Die hessische CDU und die Jungdemokraten forderten Görlach daraufhin auf, sein Amt wegen "Untätigkeit" niederzulegen.
Hans Hammel, Ministerialdirigent im Hessischen Umweltministerium und sein Stellvertreter, der Leitende Ministerialrat Hans-Karl Heil hatten vertrauliche Informationen an den Frankfurter Chemiekonzern Hoechst weitergegeben, und dafür „Gefälligkeiten“ erhalten. So war zum Beispiel der Entwurf einer Stellungnahme der deutschen Delegation in der Internationalen Rheinschutzkommission zum "Stand der Arbeiten im Rahmen des Chemie-Übereinkommens“ an den Direktor der Hoechst AG übersandt worden, ferner weitere behördeninterne Schreiben wie ein Bericht über Geruchsbelästigung durch die 1972 in den Hoechst-Konzern eingegliederte Kalle & Co. AG und ein Protokoll der Arbeitstagung einer Länderkommission über neue Verfahren zur Messung von Luftverschmutzungen. Gegen die beiden Umweltbeamten wurde daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Preisgabe von Dienstgeheimnissen und der Vorteilsnahme eingeleitet. Willi Görlach wird noch bis zum 13. Mai kommissarisch sein Amt weiterführen bis der Hessische Landtag zu seiner nächsten Sitzung zusammentritt. Laut hessischer Verfassung muss dann der Landtag der Landesregierung mit dem neuen Umweltminister das Vertrauen aussprechen. Görlachs Nachfolger wird der 35 Jahre alte Jurist Karl Schneider (geb. 1934), vormals Vorsitzender der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag.
(OV/KU)

Belege
  • DER SPIEGEL 13/1980, 24.3.1980, S. 130-132: Affären: Endgültig ausgereizt: Beamte des hessischen Umweltministeriums paktierten insgeheim mit dem Hoechst-Konzern. Minister Görlach mußte deswegen zurücktreten (Stand: 1.10.2012).
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.1979, S. 4: Hat Hoechst die Gefahr verschwiegen?: Schadstoffe um die Kläranlage herum in den Main geleitet.
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.3.1980, S. 37: Ein feiner Kerl, aber als Minister überfordert: Zum Rücktritt von Willi Görlach / Der "ländliche Jungsozialist aus der Wetterau" / Von Alfred Behr.
  • DIE ZEIT 14/1980, 28.3.1980, S. 8: Hessen: Umweltminister zurückgetreten / von Ulrich Völklein Aus dem Archiv bei ZEIT ONLINE: http://www.zeit.de/1980/14/hessen-umweltminister-zurueckgetreten (Stand: 1.10.2012).
Weiterführende Informationen
  • Eintrag "Görlach, Willi" in Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000014196 (abgerufen von Universitätsbibliothek Marburg am 1.10.2012).
Empfohlene Zitierweise
„Rücktritt des hessischen Umweltministers Willi Görlach, 21. März 1980“, in: Zeitgeschichte in Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1426> (Stand: 10.8.2017)
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