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Spektakuläre Befreiungsaktion mit gestohlenem Panzer in der JVA Schwalmstadt-Ziegenhain, 4. April 1993

Der 33 Jahre alte Maschinenbauingenieur Hans-Joachim Horn, ehemaliger Strafgefangener der Justizvollzugsanstalt (JVA) Butzbach, entwendet aus der Herrenwald-Kaserne in Stadtallendorf einen Transportpanzer der Bundeswehr und befreit am Nachmittag mit Hilfe des Fahrzeugs den befreundeten Ex-Mithäftling und dreifachen Frauenmörder Lothar Luft aus der JVA Schwalmstadt-Ziegenhain.

Den Panzer mit eigenem VW Golf-Zündschlüssel gestartet

Hans-Joachim Horn überklettert zunächst den das Kasernengelände umgebenden, etwa 2,60 Meter hohen Sicherungszaun, dringt unbemerkt in eine offene Halle ein, entfernt das an einem Transportpanzer des Typs "Fuchs" angebrachte Vorhängeschloss und startet den dreiachsigen Radpanzer mit dem Zündschlüssel seines VW Golf.
Das über 30 Hektar große Gelände der Herrenwald-Kaserne wird zum Zeitpunkt des Diebstahls von nur drei Bundeswehrsoldaten bewacht, weshalb das Verschwinden des Transportpanzers zunächst unbemerkt bleibt.1 Ein Seitentor der Kasernenanlage durchbrechend, steuert Horn das etwa 17 Tonnen schwere Fahrzeug kurz nach 13:00 Uhr in Richtung der etwa 22 Kilometer nordöstlich von Stadtallendorf gelegenen Gemeinde Schwalmstadt.2 Sein Ziel: die im Schwalmstädter Stadtteil Ziegenhain gelegene, geschlossene Justizvollzugs-Hauptanstalt, ein festungsartiges Gefängnis mit höchster Sicherungsstufe.

Martialischer Gefängnis-„Einbruch“

Gegen 13:30 Uhr erreicht der Panzer den Komplex und durchbricht das als Feuerwehrzufahrt dienende Südtor der Haftanstalt sowie drei weitere Eisentore. Nur Augenblicke später steht das Panzerfahrzeug auf dem für Freiluft-Ausgang genutzten Innenhof am Südturm der JVA. Zu diesem Zeitpunkt halten sich neun Gefangene auf dem Freistundenhof auf, darunter der am 6. Juni 1986 von einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte Lothar Luft. Der 52-jährige Luft besteigt durch eine von innen geöffnete Luke den Panzer, die übrigen Häftlinge - unter ihnen drei der zu insgesamt fünf zu diesem Zeitpunkt in Ziegenhain einsitzenden RAF-Terroristen - weichen erschreckt zurück oder lassen sich durch das Wachpersonal vom Geschehen abdrängen.3 Der fast sieben Meter lange und drei Meter breite "Fuchs" setzt zunächst in Rückwärtsfahrt (nach einigen Zeugenaussagen wendet er noch im Innenhof der Anstalt), verlässt das Gelände und steuert schließlich aus Ziegenhain heraus in Richtung Alsfeld. Unterwegs biegt das Panzerfahrzeug von der Straße ab. Die Spur wird von zwei Streifenwagen der Polizei bemerkt, die Verfolgung des allradgetriebenen Transportpanzers scheitert jedoch am unwegsamen Gelände: eines der Polizeifahrzeuge bleibt stecken, woraufhin auch die andere Streife ihre Fahrt abbricht. Die im Raum Mittel- und Südhessen ausgelöste Großfahndung bleibt zunächst ohne jeden Erfolg. Bei der Suche nach den Flüchtigen und dem gestohlenen Panzer werden Hubschrauber der Polizei und des Bundesgrenzschutzes eingesetzt, eine Anfrage der Behörden bei der Hubschrauberstaffel des Heeres in Fritzlar um Entsendung eines weiteren Fluggeräts wird jedoch abschlägig beschieden. Nach Angabe der Bundeswehr in Fritzlar sei kein Pilot zu finden. Der „Fuchs“ wird schließlich am Sonntagnachmittag in der Nähe der Ortschaft Ehringshausen im Lahn-Dill-Kreis, etwa 150 Meter von der Autobahn A 5 Kassel - Frankfurt entfernt aufgefunden.

Ein Dreifachmörder entkommt nach Frankreich

Von dem befreiten Mörder und seinem Fluchthelfer fehlt zunächst jede Spur. Hans-Joachim Horn wird jedoch kurze Zeit später in Frankfurt am Main von der Polizei gefasst. Das Landgericht Marburg verurteilt ihn am 29. November zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe. Nach eigenen Angaben habe er im Gefängnis in Butzbach, wo er selbst zeitweise eine Haftstrafe verbüßte, den Mithäftling Luft kennen- und als "väterlichen Freund" schätzen gelernt. Gemeinsam hätten die beiden Befreiungsaktionen durchgespielt.4 Lothar Luft wird erst mehr als drei Monate nach der spektakulären Befreiung, am 19. Juli etwa 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt nahe Colmar (Elsass) in Frankreich verhaftet. Seine Auslieferung an die deutschen Behörden erfolgt Ende November 1994. Der Vorfall löst bundesweit Debatten über mangelhafte Sicherungsvorkehrungen bei der Bundeswehr und in deutschen Gefängnissen aus.
19 Jahre nach der "Panzerfahrt" versucht der mittlerweile wegen schweren Raubes und sexueller Nötigung selbst wieder in Ziegenhain einsitzende Hans-Joachim Horn am 15. August 2012 mithilfe eines Gabelstaplers zu entkommen. Der Fluchtversuch wird von den Vollzugsbeamten jedoch vereitelt.
(KU)


  1. Einige Tage später gibt der Staatssekretär im hessischen Innenministerium Christoph Kulenkampff (SPD) bekannt, dass um 13:36 Uhr ein nahe der Haftanstalt in Schwalmstadt-Ziegenhain wohnender Soldat die Bundeswehrangehörigen in der Herrenwald-Kaserne telefonisch darauf aufmerksam gemacht habe, dass ein "Fuchs" unterwegs sei. Dies hätten die Wachhabenden überprüft und den Diebstahl festgestellt, nicht aber die Polizei alarmiert. Erst auf den Anruf des Leiters der Polizeistation in Stadtallendorf hin, der die Streitkräfte von der ausgelösten Ringalarmfahndung in Kenntnis setzen will, erfährt die Polizei, das ein Panzer vermisst wird.
  2. Im Herbst 1994 erläutert Horn vor Gericht: "Der war das ideale Ding für meinen Zweck. Er fährt wunderschön, leichter wie ein Golf und macht 100 Sachen". Zit. n. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1994, Nr. 278, S. 9.
  3. Nach späterer Auskunft der hessischen Justizministerin Christine Hohmann-Dennhardt (geb. 1950, SPD) sei von Schusswaffen […] mit Rücksicht auf die Gefangenen und herbeieilenden Bediensteten kein Gebrauch gemacht worden. Zit. n. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.4.1993, S. 5.
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1994, S. 9.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.4.1993, S. 9: „Häftling mit Panzer befreit: Loch in Gefängnismauer“.
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.4.1993, S. 5: „Sicherheitsmängel bei der Bundeswehr: Verurteilte Terroristen in Schwalmstadt / Keine Spur der Täter“.
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.4.1993, S. 4: Häufig Einbrüche bei der Bundeswehr: Pistolen, Handgranaten, Munition erbeutet / Der gestohlene "Fuchs".
  • Guido Neu, Hinter Schloß und Riegel: Erinnerungen eines Anstaltsleiters, Norderstedt 2010, S. 220-226.
Empfohlene Zitierweise
„Spektakuläre Befreiungsaktion mit gestohlenem Panzer in der JVA Schwalmstadt-Ziegenhain, 4. April 1993“, in: Zeitgeschichte in Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/4752> (Stand: 29.9.2016)
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