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5119 Kirchhain
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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 61. Kirchhain

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Großseelheim

Stadtteil · 202 m über NN
Gemeinde Kirchhain, Landkreis Marburg-Biedenkopf 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf

Lagebezug:

6 km östlich Marburg

Lage und Verkehrslage:

Geschlossenes Dorf mit regellosem Grundriss auf langovalem Rücken über der Ohmaue beiderseits des Bauerbachs

Kirche mit wehrhaft ummauertem Kirchhof in erhöhter, zentraler Lage

Oval umlaufende Gassenführung entlang des Rückens (Oberdorf)

Unterdorf mit teilweise linearer Ausrichtung

Moderne Wohnsiedlung im Norden jenseits des Bauerbachs

Straße Marburg-Kleinseelheim (alte Köln-Leipziger Messestraße) führt südlich am Ort vorbei

Doppelter Anschluss von Südwest und Süden aus Richtung Schröck

Ersterwähnung:

750/779

Historische Namensformen:

  • Seleheim (750/779, nach Abschrift des 12. Jahrhunderts) [Urkundenbuch des Klosters Fulda 1, Nr. 116]
  • Seliheim (920)
  • Seleheim, de (1236) [vgl. auch Klein-Seelheim]
  • maior Seilheim (um 1248)
  • Selehem (1274)
  • Kyrchselhem (1292)
  • maior villa Selheym (1310)
  • major Selheim (1347)
  • Großeme Selheym, z (1402/07)
  • Großen Sehlheim (1577)
  • Großseelheim (1708/10)
  • Seelheim

Bezeichnung der Siedlung:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

  • Wüstung Hessel
  • Wüstung Odendorf
  • Wüstung Artzbacher Hof
  • Wüstung Siedlungsstelle 1 km nördlich Großseelheim im Ohm-Rückhaltebecken
  • Flurnamen Hoffacker (1711)
  • Flurnamen Aulndorff (1572), Töpfersiedlung (?) ca. 1 km südöstlich Großseelheim

Umlegung der Flur:

1909/1911

Älteste Gemarkungskarte:

1755

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3490507, 5631268
UTM: 32 U 490436 5629455
WGS84: 50.81674581° N, 8.864242556° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

534011050

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 3000 stellbares Land, 600 Wiesen, 100 Gärten, 480 Wald
  • 1885 (ha): 946, davon 534 Ackerland, 183 Wiesen, 181 Holz
  • 1961 (ha): 951, davon 122 Wald

Einwohnerstatistik:

  • 1577: 68 Hausgesessene
  • 1747: 69 Hausgesessene
  • 1768: 380
  • 1838: 585
  • 1885: 672
  • 1925: 954
  • 1939: 1040
  • 1950: 1461
  • 1961: 1303 Einwohner
  • 1861: 640 evangelisch-lutherische, 7 römisch-katholische Einwohner
  • 1961: 1221 evangelische, 67 römisch-katholische Einwohner
  • 1542: 14 Schafhalter genannt
  • 1768: 9 Leineweber, 4 Schmiede, 5 Wagner, 3 Schneider, 1 Schreiner, 1 Bader, 1 Maurer, 1 Zimmermann, 2 Wirte, 4 Tagelöhner, 8 Tagelöhnerinnen
  • 1838 (Familien): 57 Ackerbau, 5 Gewerbe, 33 Tagelöhner 57 nutzungsberechtigte, 26 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 12 Beisitzer
  • 1961 (Erwerbspersonen): 252 Land- und Forstwirtschaft, 258 Produzierendes Gewerbe, 46 Handel und Verkehr, 55 Dienstleistungen und Sonstiges

Diagramme:

Großseelheim: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • Vogtei Seelheim 1223 zu erschließen
  • Daneben besteht 1240 und später das Gericht S.
  • 1577: Gericht im Amt Marburg
  • 1809-1813: Kanton Amöneburg
  • 1821: Kreis Kirchhain
  • 1848: Bezirk Marburg
  • 1851: Kreis Kirchhain
  • 1932: Landkreis Marburg
  • 1974: Landkreis Marburg-Biedenkopf
  • Vogtei. Die fuldische Vogtei dürfte bereits seit dem Anfall der Villikation S. an das Kloster nach 1015 bestanden haben. In ihr scheinen alter Streubesitz des Kloster und ehemaliges Reichsgut verschmolzen zu sein. 1235 verkauft Kloster Fulda die nicht verlehnten Anteile an der Vogtei dem Deutsche Orden Marburg. Seit 1236 erwirbt der Deutsche Orden von den fuldischen Vögten weitere Anteile: 1236 jeweils ein Viertel von den Schenken zu Schweinsberg und den von Mölln; weitere Anteile 1240 von zwei Amöneburger Bürgern, 1257 von den von Wilnsdorf, 1292 von den von Kalsmunt und 1296 bzw. 1303 von den von Bicken. 1315 versetzen und verkaufen die Hofherren bis auf ein Viertel ihre Vogteinnteile an den Deutsche Orden; ein Vogthof befand sich 1296 in Kleinseelheim. 1434 führen die Adligen Klage darüber, dass der Deutsche Orden das Vogteigerich unterdrücke. Die 1478 und 1485 vereinbarte Wiederaufrichtung der Vogtei ist unterblieben. - Gericht. Aus der Immunität des Kloster Fulda erwachsen. 1240 und später neben der Vogtei bestehend. - Gerichtherrschaft vgl. Vogtei Seelheim; 1407 ist das Gericht zu drei Vierteln Deutsche Orden-Besitz, zu einem Viertel fuldischen Lehen der Hofherren. 1407 vergleichen sich beide Parteien, dass das Gericht derjenige Schultheiß oder Gerichtsherr hegen soll, der gerade anwesend ist. Sonst soll der Deutsche Orden über drei Fälle, der Hofherr über den vierten richten; das Gericht wird gleichwohl im Namen beider gehegt. 1480 ist Johann von Bechling im Besitz des fuldischen Lebens der Hofherren, 1485 im Besitz der Hälfte des Gericht 1519 belehnt Fulda die von Radenhausen mit dem heimgefallenen Lehen. 1559 belehnt Kaiser Ferdinand I. den Deutsche Orden mit dem halben Teil aller Obrigkeit zu Seelheim. 1577 unterliegt das Gericht der landgräflich Landeshoheit. Gericht und Peinlichkeit stehen dem Deutsche Orden und den von Radenhausen zu. 1776 erwirbt der Landgraf mit Md. Zustimmung die Gerichthälfte der von Radenhausen; den Anteil verwaltet der Kirchhainer Schultheiß. - Gerichtstätten: Gerichtslinde an der Westmauer des Friedhofs (1755). Auf den Urteilsplatz weisen die Flurnamen Galgen, Galgenberg. Stock und Gefängnis 1591. -advocatus 1223; comes 1290; Schöffen 1355; Schultheißen 1407; Grebe 1475; Unterschultheiß 1597

Altkreis:

Marburg

Gericht:

  • 1821: Justizamt
  • Seit 1867 Amtsgericht Kirchhain

Gemeindeentwicklung:

Am 1.7.1974 wurden die bis dahin selbstständigen Gemeinden Emsdorf und Großseelheim im Rahmen der hessischen Gebietsreform in die Stadt Kirchhain eingemeindet.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 750/779 schenkt (Graf?) Argoz dem Kloster Fulda den dritten Teil seines Besitzes zu Groß- (oder Klein-)Seelheim.
  • Nach 1015 ist Seelheim Mittelpunkt einer fuldischen Villikation, die im Kern wohl auf Reichsbesitz zurückgeht (s. und Ziff. 7); sie umfaßt damals 3 Salhöfe (territoria) mit 36 Litenhufen; von 10 weiteren Hufen haben die Beständer drei Tagewerke zu leisten; weiterhin gehören 3 Mühlen und die Kirche samt Zehnten zum fuldischen Besitz; zum angegebenen Zeitpunkt ist aber ein Teil des Besitzes, der einst 78 Hufen umfaßt haben soll, offenbar von den Vögten schon entfremdet.
  • 1025 erhält der nobilis Ruogger vom Kloster 10 Litenhufen zu prekarischer Nutzung.
  • 1235 tritt Fulda dem Franziskushospital in Marburg Seelheim samt dem officium (Vogtei) gegen die Burg Lengsfeld (Altkreis Hersfeld) ab; ausgenommen bleibt der verlehnte Besitz des Kloster, so die 1347 vom Ritter Wigand von Mardorf an den Deutsche Orden verkauften Einkünfte de manso dicto Hobenerin.
  • 1757 ist der wüst Burgsitz südwestlich des Kirchhofs fuldisches Lehen der von Radenhausen.
  • Um 1248 ist das Erzstift Mainz in Groß-Seelheim mit einer Hufe begütert, die zum Hof (Wüstung) Eiloh gehört.
  • Mit dem Ankauf der Vogtelanteile der fuldischen Vögte (vgl. Ziff. 3 a) erwirbt der Deutsche Orden zu dem 1235 genannten Besitz des Franziskushospitais weiteren umfangreichen Güterbesitz.
  • Er umfaßt 1358 2 Hufen und 7 Höfe mit 303 Morgen Ackerland und 26 Morgen Wiesen.
  • 1707: 11 ganze, 7 halbe Höfe, 2 Viertelhöfe.
  • 1310 erwirbt Kloster Haina Güterbesitz in Seelheim.
  • Landgräfliche Hof 1402/07 erwähnt
  • 1395 erwerben die Grafen von Nassau-Dillenburg durch Ankauf der Herrschaft Greifenstein Besitz in Groß-Seelheim.

Zehntverhältnisse:

Der Zehnte war zwischen Fulda (1398) und Mainz (1333) geteilt

Ortsadel:

Hofherren 1267-1372

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • mater ecclesia 1025 [XII] (DRONKE, Cod. dipl. Fuld. Nr. 740)

Patrozinien:

  • Alban 1505

Pfarrzugehörigkeit:

Pfarrkirche; eingepfarrt 1577 und später: Kleinseelheim (Filiale), Schönbach

Patronat:

ursprünglich wohl fuldisch

Anfang 13. Jahrhundert sind die fuldischen Vögte in Seelheim Patrone (Schenken zu Schweinsberg, von Mölln jeweils zu einem Viertel; einen weiteren Anteil besitzen die Hofherren). 1236 kauft der Deutsche Orden die beiden Viertel der Schenken und von Mölln. 1310 präsentiert der Deutsche Orden, 1330 die Hofherren. 1330 vergleichen sich die Parteien, abwechselnd zu präsentieren; so auch 1407 und 1413. Seit 1485 besitzt der Deutsche Orden den Patronat allein. 1493/94 wird die Kirche dem Deutsche Orden inkorporiert.

Bekenntniswechsel:

Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen ab 1526.

Erster evangelischer Pfarrer: Ludwig Milichius 29.12.1556 bis vor 22.3.1558

Reformierter Bekenntniswechsel: 1605, 1624 wieder lutherisch.

Kultur

Historische Ereignisse:

920: Königsaufenthalt und Hoftag König Heinrichs I. (MG DH I Nr. 2)

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

Bedeutender Villikationsmittelpunkt (vgl. Ziff. 3 b). - Das Gericht Seelheim umfaßte 1292: Groß- und Kleinseelheim

1296 ferner (Wüstung) Artzbach, (Wüstung) Odendorf, (Wüstung) Hessel

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Großseelheim, Landkreis Marburg-Biedenkopf“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/9322> (Stand: 6.2.2017)
 
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